„Der Tourist, dein Feind“, Robert Klages

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© Francis Ducreau

Ich bevorzuge den Heimurlaub: im eigenen Land, in der eigenen Stadt, der eigenen Straße, der eigenen Wohnung. Einmal pro Jahr fahre ich nach der Arbeit direkt zum Flughafen und nehme einen Billigflug nach Barcelona. Von dort fliege ich direkt zurück nach Berlin. Ohne Billigflug wäre es einfach kein richtiger Urlaub. Meine Frau meint, ich würde Geld aus dem Fenster werfen. Aber wenn ich nicht mindestens drei Stunden in einem winzigen Flugzeug eingedrückt neben deutschen Partystudenten verbracht habe, kann Urlaubsfeeling gar nicht erst richtig aufkommen.

In Berlin nehme ich ein Taxi zu meiner Wohnung. „Einmal nach Kreuzberg bitte.“ Der Fahrer warnt mich, ich solle vorsichtig sein, Touristen seien dort nicht sehr willkommen. Aber solange ich ihn bezahle, würde er mich vermutlich auch quer durch den Irak fahren.

Kreuzberg, das steht für den Abenteuer-Urlaub schlechthin. Früher sind die high-risk-Urlauber in gepanzerten Wagen durch die Drogenviertel von Rio gefahren oder mit einem Strandbuggy durch die Wüste Syriens. Heute kommen diese Leute nach Kreuzberg, den nirgendwo ist Tourismus gefährlicher, nirgends sonst erlebt man noch diesen Adrenalin-Kick, wirklich in Gefahr zu sein. Auf der Fahrt erzähle ich dem Taxifahrer, dass ich zum ersten Mal in Berlin wäre. Er antwortet nicht und dreht das Radio lauter.

In Kreuzberg angekommen öffnet mir meine Frau hastig die Tür; sie bittet mich, schnell reinzukommen, es sei ungemein gefährlich, in dieser Gegend mit einem Taxi vorzufahren und mit einem Rollkoffer auszusteigen. Drinnen angekommen werfe ich kritische Blicke auf das Interieur der Wohnung und gebe an, reserviert zu haben. „Können wir nicht einmal richtig Urlaub machen, so wie andere Leute auch“, fällt meine Frau aus ihrer Rolle. Ihr gefällt diese Art von Heimurlaub ganz und gar nicht. Ich kann verstehen, dass ihr die Rolle als Hoteldame missfällt, aber ich biete ihr jedes Jahr an, dasselbe Spiel für sie und ihren Urlaub abzuliefern. Sie weiß ja nicht, was sie verpasst.

Widerwillig schleppt sie meinen Koffer, den wir noch am Morgen zusammen gepackt haben, ins Gästezimmer. Aus diesem haben wir alle privaten Gegenstände entfernt. An den Schokoladenkeks auf dem Kopfkissen hat meine Frau gedacht. Ich lasse mir die sanitären Einrichtungen und den Frühstücksraum zeigen und schaue abgelenkt umher. Ich trage bereits meine Bermudashorts mit den pinken Palmen darauf, ein T-Shirt mit dem Ampelmännchen und eine I love Berlin Kappe. Meine Frau sagte ausdrücklich, in diesem „Zustand“ nicht mit ihm gesehen werden zu wollen.

Eigentlich hatten wir abgemacht, dass ich in diesem Jahr auf meine Touristenverkleidung verzichte, da es einfach zu gefährlich geworden ist. Allein im letzten Monat wurden drei Touristenleichen gefunden. Und trotzdem strömen sie weiter in die Hauptstadt. Unter meinem Ampelmännchen-T-Shirt trage ich ein Hemd mit der Aufschrift „Nicht schießen, ich bin aus Berlin“. Das musste ich meiner Frau versprechen. Diese geht ohne dieses Hemd schon nicht mehr vor die Tür.

Wie dem auch sei, werde ich mir schön das Brandenburger Tor ansehen, mich in einer überteuerten Bar volllaufen lassen und anschließend die ganze Nacht rumschreien. Denn genau das machen Touristen nun mal; ich habe Urlaub und jeder soll es sehen. Alle müssen arbeiten nur ich nicht, und ich will, dass es jeder weiß.

Schon als ich aus der Haustür trete, muss ich feststellen, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer wird: Zwei Jugendliche lassen eine Bierflasche demonstrativ vor meinen Füßen zerspringen.

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© Francis Ducreau

Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als Touristen willkommen waren. Sie wurden regelrecht eingeladen, herzukommen. Lesung hier, Party dort, alles einzigartig. Kein Wunder, dass die überall waren, und immer im Weg, immer dort, wo man langgehen wollte. Sie verhielten sich, als gehöre ihnen die Stadt. Sie waren wie Tauben, die kaum noch wegfliegen und nur leicht aufflattern, weil sie zu saturiert und fett zum richtigen Fliegen sind; man musste immer für sie bremsen, sie saßen im Weg und machten einem auf die Currywurst, wenn man mal kurz nicht hinsah. Meine Frau meint, diese Vergleiche seien überzogen und unnötig.

Orientierungslos stelle ich mich auf den Fahrradweg und entknote meinen Stadtplan. Vorbeirauschende Fahrradfahrer bespucken mich. Als eine weitere Bierflasche neben mir zerplatzt, rette ich mich in eine Bäckerei. Nur leider bin hier nicht besser aufgehoben. „Kein Service für Touristen!“ steht unmissverständlich in mehr als zehn Sprachen überall, wo Platz ist. Trotzdem darf ich eine Zeitung kaufen, zum Touristenpreis selbstverständlich, also das Doppelte, und Guten Tag oder Danke sagt natürlich auch niemand. Ich bezahle mit einem 20 Euro Schein. „Kein Wechselgeld!“, raunt der Verkäufer und sortiert den Schein in seine Kasse.

Die TAZ hat jetzt zwei Ausgaben, eine für Touristen, und eine für Berliner. Wobei nach neuesten Erhebungen vermutlich eher die Touristen die Ausgabe für die Berliner lesen und umgekehrt. Ich habe die Ausgabe für Berliner erwischt, in der gegen Touristen geschimpft wird:

„Das Wort Gast passt nicht zu dem Wort Tourist“, schreibt ein Kolumnist. „Ein Tourist ist ein ungebetener Gast. Einer, der nicht eingeladen war und trotzdem da ist, und zwar laut. Man kann ihn nicht bitten zu gehen, denn er hat bezahlt. Er hat für den Flug bezahlt, und fürs Hotel, und für das Bier. Er hat Eintritt nach Berlin gezahlt, deswegen darf der Tourist alles. Ich zahle auch Miete für meine Wohnung, viel sogar, darf aber nicht so rumschreien in der Nacht, dann würde ich aus meiner Wohnung fliegen. Touristen dürfen die ganze Nacht rumschreien, die haben dafür bezahlt. Die haben eine Rumschrei-All-Inclusive-Tour in Berlin gebucht …“ und so weiter, das geht über die ganze Seite drei so.

Der Autor ist angeblich in Karlshorst geboren und wohnt in Kreuzberg und Neukölln. Seiner Meinung nach sollte man ein zweites Berlin errichten, entweder für die Touristen, oder eben für die Berliner, ein Zusammenleben sei nicht mehr möglich. Oder man sollte alle Sehenswürdigkeiten Berlins entfernen, damit keiner mehr kommt. Aus diesen Gründen lebt der Autor in Amsterdam und schreibt seine Kolumnen von dort, bis sich die Lage in Berlin gebessert habe. Seine Wohnungen in Kreuzberg und Neukölln habe er aufgeben und als Schutz vor Gentrifizierern die Fenster zumauern und die Tür verbarrikadieren müssen. Er berichtet von Amsterdam, einer im Grunde schönen Stadt, die jedoch leider viel zu teuer und voll mit lärmenden und bekifften Touristen sei. Er denkt darüber nach, nach Leipzig zu ziehen.

Mittlerweile bin ich am Brandenburger Tor angekommen. Eine Horde Touristen stürmt aus einem Bus, sie machen Selfies, wie sie den Hitlergruß ausführen. Vor dem Brandenburger Tor, vor dem U-Bahn-Eingang, und vor mir. Sie sagen „Grüß Gott“ und meinen damit Danke und Bitte und ein Bier bitte und Grüß Gott auf einmal. Sie fragen, ob ich ein Nazi sei, ob ich Kommunist sei, wie ich Hitler finden würde, wie ich Stalin finden würde, wie ich Merkel finden würde, was ich von Europa halten würde, was ich vom Dritten Reich halten würde und wo es hier Bratwurst gibt. Bevor ich etwas entgegnen kann, sind sie auch schon wieder verschwunden.

Als ich gerade meine jährlichen Urlaubsfotos vom Brandenburger Tor machen möchte, werde ich von einem jungen Pärchen angesprochen. Sie tragen ebenfalls Outfits, die offenlegen, wie gern sie Berlin mögen, dazu Sonnenbrillen mit integrierten Lichtorgeln. Mir wird ganz schwindelig, als ich versuche, den beiden ins Gesicht zu schauen. „Na, machst du auch Heimattourismus?“, fragen die beiden und wippen auf und ab als würden sie sich zu einem Bass bewegen, den nur sie hören können. Ich weiß, dass ich meine Begleitung für das abendliche Besäufnis gefunden habe, denn die werde ich eh nicht wieder los. Zusammen drängen wir durch die Touristenmassen und lassen uns in einer Bayrischen Kneipe nieder, über der ein großes Schild hängt, auf dem steht, dass dies keine Bar für Touristen sei und diese hier nicht bedient würden. Wir bestellen zwei Maß für je 16 Euro.

Neben uns sitzen angetrunkene Norweger und freuen sich darüber, dass das Bier hier so schön günstig ist. Meine Begleiter berichten von Früher, als noch alles frei war und man als Berliner noch in Ruhe einkaufen gehen konnte. Sie meinen, man solle Sperrzonen für Touristen errichten, für Tauben würde es doch auch diese Nägel geben, damit die sich nicht überall hinsetzen. Aber einmal pro Jahr haben sie richtig Bock, mitzumachen, die Seiten zu wechseln und nicht zu denen zu gehören, die durch den Touristenlärm um den Schlaf gebracht werden. Sie stellen sich als Heike und Tom vor. Ich mache mir Sorgen, dass sie ihr Bier nicht bezahlen.

Rechts neben uns lässt sich ein älteres Paar innerdeutscher Touristen nieder. Das seien die Schlimmsten von allen, wispert Tom. Besucher aus München sind ihm fremder als irgendwer aus Hongkong oder Sibirien. München, das sei eine ganz andere Kultur, wie Tag und Nacht. Und verstehen tut man die auch nicht. Aber das Allerschlimmste sei, wenn man von innerdeutschen Touristen in deren Heimat eingeladen wird.

„Wir waren ja jetzt in Berlin“, heißt es. „Kommen Sie doch auch mal nach Bochum.“ „In Hessen ist es auch sehr schön“, sagen sie. „Kassel ist eine Reise wert.“ Das Problem ist, dass sie nichts zu geben haben.

„Ich bin gar kein richtiger Berliner“, richte ich mich Tom und Heike zu. „Ich komme aus Salzkotten.“ Anfänglich habe ich immer meinen Jahresurlaub in Berlin verbracht, ich hatte hier Bekannte, bei denen ich mich einquartieren konnte. Jedes Jahr einen Monat, bis ich vor einigen Jahren auf die Idee kam, in Berlin zu wohnen. Ich rief also in der Hauptstadt an und teilte meinen Entschluss mit. Eine nette Frauenstimme fragte mich, was es denn sein dürfe: Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln oder gar etwas Exotisches wie Pankow oder so. „Kreuzberg passt schon“, sagte ich und packte meine Koffer. Die Berliner Stadtverwaltung ließ daraufhin eine Wohnung für mich freischaffen. Ein arbeitsloser Ureinwohner wurde in einen Randbezirk verfrachtet, das Gebäude kernsaniert und ich konnte einziehen.

Heike bestätigt, dass es bei ihnen so ähnlich abgelaufen ist. Tom nickt betrunken. Die beiden sind Couchsurfer, wobei natürlich niemand erfahren darf, dass sie in Berlin wohnen. Sie laden mich ein, mit zu „ihrer Couch“ zu kommen, denn dort könnten wir „alles tun und lassen“. Wir kaufen mehrere Flaschen Schnaps an einem Spätkauf und dazu jeder zwei Döner. In der Wohnung angekommen, springen wir auf den Betten und der Couch herum, lassen das Wasser laufen, essen Döner ohne Unterlage und drehen die Musik so lauf auf, bis die Nachbarn von allen Seiten gegen die Wohnung hämmern. Diese Art des Tourismus kannte ich noch nicht, aber es macht richtig Spaß.

Voller Neugier durchwühle ich die Schränke des Gastgebers und probiere das ein oder andere Kleidungsstück an. Heike und Tom tun es mir nach. Es ist ein schöner erster Urlaubstag, denke ich gerade, da springt der Hausherr in seine Wohnung. Sofort stellt er die Musik ab und schreit Tom und Heike an, er habe es ihnen doch schon mal gesagt: Keine Musik nach zehn Uhr! Und wer der Typ dort schon wieder sei, fragt er und deutet auf mich. Außerdem sei das Privateigentum und die Wohnung ein Saustall, er habe nun genug davon, sie müssten gehen und sich eine neue Couch suchen. Ich höre heraus, dass Tom und Heike schon über eine Woche hier quartieren, dafür würden sie aber auch kochen und dem Wohnungseigentümer etwas übrig lassen. „Mi Casa es su Casa“, sagt Heike. „Entspann dich mal“, sagt Tom. Ich versuche, mich vorzustellen, werde aber ignoriert. Der Eigentümer unterbreitet den Vorschlag, sich im Wohnzimmer niederzulassen, ihm wäre da eine Lösung für dieses Problem eingefallen.

Also warten wir. Tom baut einen Joint, Heike massiert ihr Dreads, ich kann kaum gerade sitzen, soviel Wodka haben wir getrunken. Bald steht eine Gruppe großer Männer im mittleren Alter vor uns. „Kommt mal mit“, sagen sie und führen uns in den Keller. Heike und Tom protestierten, dass es so aber nicht abgesprochen gewesen sei, sie würden ganz bestimmt nicht in einem Keller schlafen. Ich versuche, abzuhauen, aber vier starke Arme schnappen mich und ziehen mich mit in den Keller. Plötzlich zückt einer der Männer eine geschaldämpfte Handfeuerwaffe und schießt zuerst Tom nieder, der sofort wie ein Beutel Reis auf den Boden fällt. Er blutet weniger als gedacht, vielleicht, weil er Veganer war. Heike läuft panisch herum, daher benötigt der Mann drei Schüsse; zuerst in den Rücken, dann in die Schulter und schließlich in den Kopf, zur Sicherheit, da sie noch herumzuckte. Dann wendet sich der Mann zu mir.

Durch eine ruckartige Bewegung befreie ich mich aus dem Griff und reiße mir mein Ampelmännchen-T-Shirt vom Leib. „Nicht schießen, ich bin aus Berlin!“ Der Mann senkt die Pistole. Schnell hole ich meinen Ausweis hervor und halte diesen wie einen winzigen Schutzschild vor meinen Körper. Dann spüre ich nur noch den heftigen Schlag eines harten Gegenstands auf meinen Hinterkopf.

Ich erwache zwischen Mülltonnen am Kottbusser Tor. „Was ein geiler erster Urlaubstag!“, denkt ich und schleppe mich erschöpft nach Hause. Als ich in meinem Hotel beziehungsweise meiner Wohnung ankomme, liegt meine Frau tot im Hausflur. Auf ihr liegt ein Zettel mit der Aufschrift: „Keine Herberge den Touristen!“ Wäre sie mal mitgekommen. Wo bekomme ich jetzt eine neue Hoteldame her?

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