„Die Wilde Wildnis“, Nikita Afanasjew

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Bonus: ein Text von Nikita Afanasjew…
ZL RING Béa3Die wilde Wildnis

Das Abitur war gerade geschafft, alles schien möglich, nichts sicher und wir wollten in die Wildnis. Wir, das waren mein grobschlächtig veranlagter Kumpel Benjamin und ich. Die Wildnis, das war für uns ein mythischer Ort, wir suchten etwas zum Aussteigen, obwohl wir ja in unserem Leben bis dahin nirgendwo richtig eingestiegen waren. Wir wollten dorthin, wo es keine Menschen gab, keine Vorschriften, keine Vor-Abi-Parties, wo man sich nicht bei Universitäten bewerben musste und wo wir einfach nur sein konnten. Die Wildnis… auf sich allein gestellt überleben, über sich hinauswachsen im Wettkampf mit der Natur… oder wollten wir im Einklang mit der Natur… egal. Wir wollten definitiv die wilde Wildnis – und landeten im westfälischen Winterberg.

Das hört sich jetzt vielleicht lächerlicher an, als es wirklich war, denn in der Gegend gibt es zahlreiche Naturschutzgebiete, durchaus weitläufig. Vielleicht nicht gerade das Amazonasbecken oder die Taiga, aber durchaus wilder als die Innenstadt von Recklinghausen, unserem damaligen Heimatort. Außerdem fließen durch die dortigen Naturschutzgebiete Bäche mit trinkbarem Wasser, denn so viel hatten wir erkannt: Trinkwasser für zwei Wochen mitnehmen war nicht drin. Sonst hatten wir nicht allzu viel erkannt, denn unsere Rücksäcke waren mit Dosen, Zelten, Taschenlampen, Schlafsäcken, Batterien und Ersatzbatterien so schwer, als hätte jeder von uns seine Großmutter auf dem Rücken. Wir hatten die Säcke auf einem Flohmarkt gekauft, Marke Fremdenlegion, da passte einiges rein.

Nachdem wir an einem sonnigen Morgen aus dem Zug gestiegen waren, liefen wir sofort los, nichts konnte uns aufhalten. Bis auf die Rucksäcke natürlich. Alle zehn Minuten machten wir eine Pause. Mein Rücken fühlte sich an, als würde der Teufel persönlich mit einem Pürierstock darin herumpenetrieren.

„Ist der Schmerz bei dir eher punktuell oder verteilt er sich über den ganzen Körper?“, fragte ich Benjamin. „Schon punktuell“, sagte er, „nur dass die Schmerzpunkte sich über den ganzen Körper verteilen.“

Statt der geplanten zwei Stunden dauerte der Fußweg mindestens sieben. Als wir endlich im Zielgebiet angekommen waren, fing es furchtbar an zu regnen. Wir bauten unser Zelt auf, bastelten aus Zweigen und unseren Jacken ein kleines Dach, um Feuer und was zu essen zu machen. Benjamin sagte so etwas wie: „Ich bin so hungrig, ich könnte Baumrinde essen.“ Aber so genau weiß ich nicht mehr, was er gesagt hatte, mein Gehirn hatte vor lauter Hunger und Rückenschmerz noch höchstens so viel Speichervolumen wie ein Zewa Wisch&Weg. Es dauerte wegen des Regens Stunden, aber wir bekamen es tatsächlich hin: Feuer. Wir kochten eine Suppe.

Es kam mir vor wie der glücklichste Moment meines Lebens, als ich den Suppenlöffel in Richtung Mund führte. Plötzlich raschelte es im Gebüsch. Vor uns tauchte ein grünes Männchen auf… das bei genauem Hinsehen ein großer Mann in einer grünen Förster-Uniform war. Der Waldmeister. Er sagte: „Das ist ja wohl die Höhe, das ist ja unglaublich, das, das… ja spinne ich denn? Feuer? In einem Naturschutzgebiet?! In MEINEM Naturschutzgebiet?!?! Seit ihr denn vollkommen bescheuert?!?!?!?!“ Dabei pochte der Waldmeister laut in seinen Hulk Hogan-Gedächtnis-Schnurrbart hinein und schrie uns anschließend viele Sätze entgegen, in denen häufig das Wort „Polizei“ vorkam. Einmal auch der Ausdruck „2000 Euro Strafe“. Wir waren geliefert.

Der Waldmeister notierte unsere Personalien, während wir zusammenpackten. Positiv ließ er immerhin gelten, dass wir einen Topf mit Wasser unweit der Feuerstelle abgestellt hatten. Er meinte damit die Suppe. Ich hätte heulen können, als ich diese bestimmt leckerste Suppe aller Zeiten ins bereits ausgegangene Feuer kippte. Die Laune steigerte sich immerhin, als der Waldmeister in einem Anflug unendlicher Güte doch nicht die Polizei holte, sondern uns lediglich ein Platzverbot aussprach und mitten in der Dunkelheit und im Weltuntergangsregen auf irgendeinen gottverlassenen Feldweg schickte. „Wenn ich euch nie wiedersehe, behalte ich das für mich, aber ihr kommt mir noch einmal unter die Augen…“, sagte er zum Abschied. Bon Voyage.

Wir liefen dann so lange, wie uns die Füße trugen, Benjamin schimpfte manisch, sagte Sachen wie „Waldgauleiter“ und „dieser dreckige Unterholzstecher, dieser miese…“ und noch viel mehr. Wir bauten mitten in der Nacht das Zelt auf und schliefen. Am nächsten Tag beschlossen wir, keineswegs aufzugeben, sondern mindestens zehn Kilometer weiterzuwandern und den beschissenen ersten Tag zu vergessen. Wir liefen, kamen nachmittags an einer paradiesischen Lichtung an, bauten das Zelt auf. Die Sonne kam raus. Und auf einmal war alles gut. Wir beschlossen, unser einziges mitgeführtes zivilisatorisches Dopingmittel zu konsumieren: Eine Flasche Wodka. Es war nur ein halber Liter, aber nach all der Anstrengung machte er uns verdammt selig. Wir wollten rauchen, hatten diesen Trip jedoch beide zum Aufhören nutzen wollen. Auch egal, Natur, mon amour, und all diese Farben…

Wir machten dann Essen, zwei Dosen Gulasch, ein Festmahl. Und da stand er wieder. Wie aus dem Nichts. Der Waldmeister. Der gleiche Waldmeister wie gestern. Ich hielt ihn zunächst für eine Halluzination, aber die Halluzination brüllte: „Das ist ja wohl die Höhe! Das, das… das gibt es doch gar nicht!!!!!!“ Außer sich vor Wut, mit hochrotem Kopf, löschte der Waldmeister persönlich das Feuer, telefonierte gleichzeitig mit seinem Handy mit der Polizei. Er schrie uns an, wir sollten das Zelt zusammenpacken. Benjamin und ich krochen hinein und ich weiß nicht genau warum, aber ich musste lachen. Unglaublich stark lachen. Und ich lachte. Und hoffte, dass der Waldmeister draußen es nicht hören würde. Benjamin war etwas lösungsorientierter unterwegs, er sagte die ganze Zeit: „Wir müssen was machen. Wir müssen irgendwas machen. Ich habe keine 2000 Euro. Wir müssen was machen.“ Wir diskutierten ernsthaft kurz die Idee, den Kerl einfach umzuhauen, aber er hatte ja gestern unsere Namen notiert. Und den Waldmeister zu erschlagen diskutierten wir zum Glück nicht, schon gar nicht ernsthaft. „Einer von uns muss einen Nervenzusammenbruch vortäuschen“, sagte Benjamin. Ich musste wieder lachen. Benjamin sagte: „Dann mache ich das also.“ Und dann nahm Benjamin seine großen Boxerfäuste und drückte sie in seine Augen. Fest und noch fester. Zwischendurch war ich sicher, dass er gleich zwei Löcher statt seiner Augen haben würde, wenn er die Hände wieder wegnimmt. Dann nahm er sie weg und da waren sie: Tränen.

Wieder aus dem Zelt raus stammelte Benjamin heulend: „Sie schmeißen mich bestimmt raus. Meine Eltern schmeißen mich bestimmt raus.“ Ich musste daran denken, wie Benjamins Eltern nach einer Party in ihrem Haus, bei der in den Blumenkübeln statt wilder Rosen nur noch jugendliche Kotze war, gesagt hatten: „Ach Jung, beim nächsten Mal feiert ihr aber etwas ruhiger.“ Benjamin schluchzte hemmungslos, wie ein Kind, das sich selbst von seiner Lüge restlos überzeugt hatte. Der Waldmeister wich etwas zurück, aber Benjamin lehnte sich gegen dessen Brust und weinte die schicke grüne Uniform voll. „Na ja“, sagte der Waldmeister peinlich berührt, „wir können ja erstmal ins Forsthaus und sehen dann weiter“.

Wir fuhren in eine Waldhütte, die von innen voller Geweihe war. „Haben Sie die alle geschossen?“, fragte ich und der Waldmeister lächelte mit der herrischen Güte eines Stammesfürsten. Benjamin beruhigte sich etwas, der Waldmeister ließ unsere Personalien von einem befreundeten Polizisten überprüfen und machte uns ein letztes Angebot zur Güte: Wenn wir uns abholen lassen, so schnell wie möglich, und nie wieder zurückkehren, würde er die Sache auf sich bewenden lassen. Winterberg-Verbot, dachte ich, nicht ganz so cool wie ein Köln-Kalk-Verbot, aber immerhin.

Wir riefen einen Freund an, und während der unterwegs war, rauchten wir mit gnadenloser Charakterschwäche die Zigarettenschachtel des Waldmeisters leer. Er erzählte uns, das wir unser Zelt in einer Schussschneise aufgebaut hatten, Lebensgefahr usw. usf. Er erzählte auch, wie er letztens aus 200 Metern diesen Eber und aus 250 Metern diesen Elch und ich war mir sicher, er würde gleich noch berichten, wie er einen Mammut mit bloßen Händen erlegt hatte. Oder dass er aus 2 Kilometern Entfernung einem einäugigen Eichhörnchen das zweite Auge rausschießen konnte. Zum Glück kam dann unser Kumpel und wir fuhren nach einem Getränkestopp an der Tankstelle saufend und rauchend nach Recklinghausen zurück. Zwei Tage statt zwei Wochen Wildnis, aber immerhin keine 2000 Euro Strafe. Irgendwie waren wir glücklich.

Die Geschichte hat übrigens einen kleinen Epilog. Weil wir nicht mitten in der Nacht betrunken nach Hause kommen wollten, beschlossen wir eine Nacht im Stadtwald von Recklinghausen zu zelten. Wir machten ein Feuer, riefen mehr Kumpels an und zechten die Nacht durch. Am nächsten Morgen hörte ich es aus dem Zelt heraus im Gebüsch rascheln. Und dann jemanden von draußen sagen:„Hallo. Sie da drinnen. Kommen sie sofort raus. Hier ist das Ordnungsamt.“

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