Text von Robert

1 Runde 1 Abteil. 12 Uhr
Leute setzen sich von uns weg, aber das liegt eher am Kamerateam, nicht an meinem Gestank. Ich habe festgestellt, dass ich den kleinsten habe, also den kleinsten Laptop. Noch hab ich mir nicht überlegt, was ich schreiben werde. Ich bin müde, muss pissen, habe Hunger. Es ist scheiße, ein Mensch zu sein. Meine Bedürfnisse ärgern mich. In einigen Jahren werden Menschen nicht mehr aufs Klo müssen und auch keinen Hunger haben, aber da werde ich wohl schon nicht mehr leben. Organe werden durch elektronische Geräte ersetzt werden, auch essen wird unnötig sein. Die Frau neben mir sieht schon jetzt aus wie ein Roboter, sie telefoniert unablässig, ich hasse sie, aber sie ist ein Roboter, das ist OK, weil Roboter darf man hassen, die spüren das kaum, also gar nicht, noch nicht, so weit ist die Technik noch nicht.
Sie ist ein Roboter, ich bin Robert.
Früher haben mich die Kinder in der Schule Robbi Roboter genannt. Das war lustig, vielleicht habe ich gar nicht gemerkt, wie ich wirklich ein Roboter geworden bin. Meine Texte sind Roboter, könnte man sagen. Sie spüren auch nichts; obwohl ich versuche, ihnen Leben zu geben, mein Leben, mein Leben in Schrift und Druckbuchstaben auf einem weißen Hintergrund in einem Word-Dokument. Ein kleiner Abschnitt daraus wenigstens.
Absatz. 24 Minuten vergangen. Die anderen Tippen auch auf ihre Laptops ein, wie Roboter. Wir sind das Volk, sagt Volker. Alle sind Roboter, sagt Robert.
Die Frau neben mir hört nicht auf zu telefonieren, in einer Robotersprache, vermutlich was Asiatisches. Ab und zu höre ich das Wort „Vattenfall“ heraus. Vermutlich geht es um Stromrechnungen. Daneben eine Familie, ein Kinderwagen, aus dem Geschrei dröhnt. Die Eltern schieben McDonals Burger und Fritten in sich herein und starren in den Kinderwagen. Sie geben dem Kind auch ein Stück Burger. Kann man machen.
Wir sind Ringbahn. Je suis Ringbahn. Heute ist Berlin Ringbahn.
Station Südkreuz. Es wird leer. Im Kopf und in der Bahn. Meine Gedanken steigen aus.
Mehr Absätze machen.
Schöneberg. Eine Station lang nichts geschrieben. Kommt vor.
Ich habe eigentlich gar keine Lust, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren, das mache ich ja sonst schon den ganzen Tag, auf der Arbeit, immer Bildschirm, und danach auch – alles hat mit Bildschirm zu tun. Ohne Bildschirm kein Leben, kein soziales Leben.
Die Roboter Frau ist ausgestiegen, und auch die Burger-Familie. Hatte ich gar nicht mitbekommen. So schnell kann das gehen. Die sehe ich wohl nie wieder, und sie wissen nicht, dass sie im Fernsehen und in meinem Text sind. Mein Text hat sie geschluckt. Aber das mag ich so an meinen Texten, und an Texten im Allgemeinen. Sie schlucken alles, du kannst alles mit ihnen machen.
Station Westkreuz, ich bin nicht eingeschlafen.
2.
Neuer Versuch. Ich habe beschlossen, keine geschriebenen Sätze zu löschen. Alles muss raus. Egal was. Sogar dieser Satz: Ich bin ein kleiner, dummer Idiot. Der bleibt. So mache ich jetzt weiter. Ich bin ja ein Roboter, und bei denen wird jede Aktion gespeichert
Wedding 13 Uhr. Laune OK.
Sie Sitznachbaren haben keine Idee für einen Satz, aber sind sehr nett. Es ist eine große Familie aus Berlin, sie antworten mir nicht, aber das liegt an dem Kamerateam. Die Kinder schauen fasziniert.
Gleich ist die erste Runde rum. Fazit, Resumee: fein fein.
Die Bahn ist auf jeden Fall wieder voller geworden, das kann ich berichten. Mein Gehirn ist auch wieder voller geworden, das kann ich berichten. Landsberger Station Allee jetzt. Die Familie steigt aus. Sie verabschieden sich. Ich werde mich noch mein ganzes Leben an sie erinnern.
Mein Gehirn ist wie ein Luftballon, der sich in Intervallen mit Luft füllt und danach durch die Luft fliegt, weil die Luft schnell entweicht. Ich pumpe Ideen in mich herein uns lasse sie wieder raus in den Text, nur viel komprimierter.
Station Treptower Park
Wir unterscheiden uns kaum von den anderen Fahrgästen, den anderen Ringbahnmenschen. Auch sie tippen auf Laptops ein, lesen oder machen irgendetwas mit ihren Mobilfunkgeräten. Moderne Menschen.
Nik schreibt einen Satz pro Station. Das mache ich später auch mal. Mit Valerie habe ich einen Deal abgeschlossen. Die letzte Runde schreibt sie auf Deutsch, und ich auf Spanisch und wir trinken eine Flasche Wodka. Das kann lustig werden.
Station Hermanstraße
Jemand macht Fotos von uns, ich kenne ihn nicht. Wir wurden noch gar nicht kontrolliert, also FAHRKARTENKONTROLLE.
Station Tempelhof
Übergang zur U Bahn Linie 6. Hier wohnt Tim. Zu jeder Station etwas zu schreiben, klappt nicht. Manchmal halten wir auch an einer Station und ich bekomme es nicht mit. Die Ringbahn ist mein Zuhause, die anderen Fahrgäste sind wie Einrichtungsgegenstände, ständig wechselnde Möbel, die sich selbst austauschen. Die Ansagen und Fahrplandurchsagen sind das Radio. Das Fenster der Fernseher, und er zeigt immer dieselbe Wiederholung. Momentaufnahme Südkreuz. Zuhause sitze ich gerne nackt herum. Station Schöneberg. Manche Haltestellen folgen kürzer aufeinander, bei manchen hat man dann wieder mehr Zeit. Tauben, Tauben und Menschen gibt es an jeder Station. Omas steigen ein, interessiere sich nicht für uns. Sie halten uns für Menschen. Laptops gehören zu den Menschen wie Füße oder Rückenschmerzen oder ein Schal im Winter. Station Innsbrucker Platz. Zurückbleiben bittttte. Niemand steigt ein. Arte filmt weiter, ich bin gespannt, was daraus wird. Station Bundesplatz. Jetzt geht es Schlag auf Schlag, Station an Station, stakkato. Ein Mann mit Buch steigt ein. Zurückbleiben bitttttte!!! Ich will mein Gehirn zwingen, intelligent zu sein, kreativ zu sein. Station Heidelberger Platz. Hier bin ich immer umgestiegen zur Uni, damals. Da musste ich mein Gehirn auch zwingen, intelligent zu sein. Aber das ist lange her. Mein Gehirn und ich, wir haben lange in Zwietracht gelebt, aber mittlerweile geht es: Ich belästige es nicht unnötig, und es lässt auch mich in Ruhe. Station Hohenzollerndamm. Die Station war schön lang, konnte ich in Ruhe was ausdenken, was aushecken. Zurückbleiben bittttte!!! Mein Gehirn beschwert sich schon, soviel Beachtung ist es nicht gewohnt. Es ist ein kleines Gehirn. „Kompakt“ sollte ich besser sagen, so, wie dicke Leute sind „stämmig“ nennen. Station Halensee. Einsteigen bitttttee!!!! Ob wir den Fahrer noch kennenlernen werden? Wohl nicht. Vielleicht schreibt er auch Texte, während er fährt. Wohl nicht. Station Westkreuz. Das klingt alles nach Monopoly. Hier steigt keiner ein. Mein Gehirn tuckert, ich spüre, wie sich Luftblasen. Weiter hinten im Zug hat wohl jemand einen Sitz voll gekotzt. Jetzt, da es mir gesagt wurde, rieche ich es auch. Station Messe Nord, ICC, Bus, hier geht’s zu den interkontinental Bussen, oder so. Ein Mann steigt noch im letzten Moment ein. Mein Gehirn steigt aus. Station Westend. Aber kein Ende, es ist ein Kreis, ein Kreis hat kein Ende. Mein Gehirn hat ein Ende. Einsteigen bittttte!!! Kinder steigen ein. Sie machen Hausaufgaben, an einem Samstag. Samstags habe ich nie Hausaufgaben gemacht. Samstags war man im Schwimmbad oder im Garten oder auf dem Fußballplatz, oder im Wald. Aber vielleicht ist mein Gehirn deshalb auch so schmal. Ich dachte, jetzt kommt eine Station, kommt aber gar nicht. Jetzt wieder zu viel Zeit. Ah. Station Jungfernheide. Viele Leute strömen herein. Es ist eng, mein Gehirn spürt sowas natürlich. Es mag Enge nicht. Daswirktsichgleichaufmeinsprachverhaltenauswenndieleutesodichtanmirstehenalstündensieinmeinemgehirndermannnebenmirstinktwasnichtschlimmiststationbeußelstraßeeswirdetwas mehr Platz puhhhh. Ich schicke mal an, mein Gehirn braucht Pause.

3. Eine Geschichte mit Happy End

Hallo. Mein Name ist Paul und ich bin zu auffällig. So haben es die Lehrer gesagt, bevor sie mich hierher gebracht haben, und die Leute vom Staat, von so einem Amt. Hier bin ich ganz allein. Dreimal pro Tag schieben sie essen unter der Stahltür durch. Es ist viel Essen. So viel habe ich früher nie gegessen. Und es ist gut, ich weiß auch nicht. Wo auch immer ich hier bin, sie haben einen richtig guten Koch. Naja.

Ich glaube, „auffällig“ meint dick. Ich bin zu dick, zu unansehnlich. Meine Pickel und das alles, die krummen Beine. „Auffällig“ war ich nie. Ich saß hinten, in der letzten Bank und habe versucht, mich so wenig wie möglich zu bewegen, keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Aber irgendwann fing der Lehrer an zu schreien. Was das wieder soll, hat er geschrien und auf mich gezeigt, und alle haben sich umgedreht, und er hat „Baaahh“ gesagt, richtig angewidert war er. Dabei sah ich aus wie immer. „Wie du wieder aussiehst!“. So könne das nicht weitergehen, es würde an dieser Schule Vorschriften in Sachen ästhetischem Wohlbefinden geben, das würde ich wissen, es sei mehrfach mit meinen Eltern gesprochen worden, wenn sich da nicht bald was ändern …

Meine Eltern waren jeden Morgen immer sehr nervös. Sie haben mich geduscht, gepudert und geschminkt, aber es hat wohl alles nichts geholfen. Meine Mutter dreht sich immer angewidert von mir ab, wenn sie den Puder aufträgt. Die Pickel haben wir mit Säure behandelt, aber es hat nur zu noch stärkerem Ausschlag geführt und außerdem das ganze Gesicht verätzt. Und auch die Ärzte aus der „Klinik für Ästhetik“ in Schöneweide konnte nichts für mich tun.

An meinen Noten kann es auch nicht gelegen haben. Ich hatte immer gute Noten, ich habe auch viel gelernt. Nur durfte ich im Unterricht eben nicht reden. Ich würde die anderen Kinder vergraulen, hatte die Schulleitung meinen Eltern geschrieben. Irgendwann hatte man mich in so einen Kasten gesetzt: Von außen konnte man nicht reinsehen, aber von innen konnte ich nach außen schauen und so weiterhin dem Unterricht verfolgen, ohne die anderen Kinder abzulenken. Viele Eltern haben ihre Kinder von der Schule genommen. Mein Anblick sei nicht förderlich für die ästhetische Entwicklung der Sprößlinge, hieß es. Ich könnte Schäden im ästhetischen Bewusstsein verursachen, die im Laufe der Entwicklung nicht wieder einzuholen wären. Ob das stimmt weiß ich nicht. Jedenfalls tut es mir leid. Meine Eltern haben sich auch oft genug für mich entschuldigt, aber was sollten sie tun? Einen Privatlehrer konnten wir uns nicht leisten, und der eine, so ein Typ aus dem Wedding, der musste sich immer übergeben, während er mir Rechnen beigebracht hat. Er wollte mehr Geld, Schadensersatz, aber die Versicherung macht bei mir nicht mehr mit, meine Eltern haben es mehrfach versucht.

Meine Eltern sehen auch ganz normal aus, sie entsprechen den Vorschriften der Ästhetikbehörde, wie es eine Untersuchung ergeben hat. Trotzdem mussten sie monatlich ein „Bußendgeld“ für mich entrichten. Ein Teil davon wurde mir vom Taschengeld abgezogen. Aber das war nicht so schlimm, denn ich konnte ja eh nie etwas einkaufen. Ich werde erst gar nicht in den Laden gelassen, einmal hat sogar einer seine Pistole unter der Ladentheke hergeholt. Überall wo ich reingehe, werde ich sofort gebeten, den Laden zu verlassen.

Niemand weiß, wie es bei mir so weit kommen konnte. Aber anscheinend wusste man nicht mehr weiter und hat mich hierher gebracht. Meine Mutter hat geweint, aber ich sollte verstehen, dass ich für sie natürlich auch eine Belastung darstellen würde.

Ab und zu, ungefähr einmal pro Woche, klopft es an der Tür. Jemand fragt, wie es mir geht. „Gut“, sage ich. Was soll ich sonst auch sagen? Dann sagt die Stimme, dass mir meine Mutter ausrichten lässt, dass sie mich liebt. Darüber freue ich mich dann.

Gestern wurde ein Brief mit dem Essen unter der Tür hergeschoben. Da steht eine Menge drauf, so Beamtendeutsch, verstehe ich irgendwie nicht. Aber wenn ich es richtig verstehe, soll ich wohl morgen hingerichtet werden. Sie wissen nur noch nicht, wie. Anscheinend hat sich kein Henker gefunden, weil sie alle Angst haben, dass sie der Fluch der Hässlichkeit ereilt, wenn sie mir die Giftspitze verabreichen. Und auch alle anderen Mitarbeiter haben sich wohl geweigert, an meiner Hinrichtung teilzunehmen. Weiter steht geschrieben, dass wohl auch meine Eltern nicht dazu bereit wären, mir die Spritze zu verabreichen, wie es eigentlich ihre Pflicht sei, aber sie würden sich weigern. Ich bin richtig gerührt. Sie lieben mich sehr. Es tut mir leid, dass ich daran gezweifelt habe.

Gerade wird eine Spritze und ein weiterer Zettel unter der Tür durchgeschoben.

4

Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich schreiben soll. Wirklich nicht. Vielleicht lässt sich daraus ein Text machen. Im Vergleich zu heute Nachmittag ist es heute Abend unruhiger in der Ringbahn. Das Fernsehen ist weg. Ich fühle mich plötzlich einsam ohne Fernsehen um mich herum. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt.

Ich werde sie morgen anrufen. Ich möchte, dass sie immer bei mir sind. Sie sollen schon da sein, wenn ich aufwache. Sie sollen nichts sagen. Ich stehe auf, gehe pissen, Zähne putzen, duschen, frühstücken – sie leuchten alles gut aus, räumen ein paar Gegenstände um, sie inszenieren mein Leben. Ab und zu sagt der Kameramann, dass wir das nochmal machen müssen, und dann machen wir das nochmal. Bis es sitzt. Ich frühstücke gerne drei Mal, gar kein Problem.

„Tu so, als seien wir gar nicht hier“, hat der Kameraassistent immer gesagt. Jetzt vermisse ich das. Ich sage es mir selbst, vielleicht kann ich mir ein Kamerateam einbilden. – ich versuche es eine Weile, aber es ist irgendwie einfach nicht dasselbe. Ich will mich beobachtet fühlen und dabei so tun, als würde ich mich nicht beobachtet fühlen.

Außerdem habe ich mir überlegt, dass ARTE mich dabei filmen sollte, wie ich einen Döner esse. Schön langsam, und manchmal sollten sie sogar eine Zeitlupe verwenden. Das sollte dann einmal pro Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ausgestrahlt werden. „Hast du schon den Typen gesehen, der einen Döner auf ARTE isst?“, werde die Menschen sagen. Und bald kann ich als der Typ bekannt sein, der einen Döner auf ARTE isst.

Auf diese Idee bin ich gekommen, weil ich heute Morgen im Interview mit ARTE behauptet habe, „surrealistischer Satiriker“ zu sein. Ich weiß nicht, was das ist, oder sein soll, mir ist nichts anderes eingefallen, und es klingt ja auch irgendwie außergewöhnlich und extravagant und auch schön bescheuert. Aber wenn ich dann der Typ bin, der auf ARTE einen Döner isst, dann hat auch jeder eine Idee was ein „surrealistischer Satiriker“ sein soll. Ich nämlich. Ich könnte eine neue Stilrichtung gründen und der Mogul der ganzen Geschichte werden. Dann hätte ich vielleicht auch endlich wieder ein Kamerateam um mich herum, denn ich vermisse das immer noch. Sie gehörten zu mir, wie mein linker Fuß. Jetzt ist es, als hätten sie mir diesen abgehakt.

Es ist leerer geworden, wir sind am Hohenzollerndamm. Ein Mädchen sitzt links gegenüber mit einem Buch. Sie hat auch kein Kamerateam dabei. Ich finde, dass in unserer modernen Wohlstandsgesellschaft jeder ein Recht auf ein Kamerateam haben sollte.

Ich werde eine Partei gründen und das einfordern. Zumindest ich hätte dann wieder ein Kamerateam, und die Partei könnte „surrealistische Satiriker für das Recht auf Kamerateams“ heißen. SSRK.

Wobei RK auch für Robert Klages stehen könnte, und SS eben für SS.

Weiterhin fordert die SSRK dass Schuhe und Stiefel nur noch mit Sekt geputzt werden dürfen, und zwar ausschließlich um 14:33 Uhr. Und Sekt sollte wieder Schaumwein heißen.

Das Verwenden von Notebooks sollte zwischen 20.13 Uhr und 21.47 Uhr verboten werden. Eine tägliche Schweigeminute um Punkt 10 Uhr morgens wird Pflicht sein, das Schieben von Fahrrädern zwischen 6.37 und 8.01 Uhr auf öffentlichen Plätzen untersagt werden.

Wir sind an der Station Westend. Es wird wieder voller. Potentielle Wähler, allesamt. Ich muss sie für mich, für die Partei, für SSRK gewinnen. Also beginne ich damit, ihnen die Schuhe zu putzen. Einem nach dem anderen. Einige wehren sich, aber ich halte sie an den Beinen fest und putze weiter. Das ist Wahlkampf. Vielen gefällt es auch. „Wäre es nicht schön, wenn ich ihre Schuhe mit Sekt putzen könnte??“, sage ich. Beim Aussteigen versichern mir viele, die SSRK wählen zu wollen. Das sieht gut aus.

Wir sind an der Station Gesundbrunnen.

5

Ringbahn, achte Runde oder so. Erster Alkohol im Blut. Früher, als Studenten, haben wir einmal Ringbahnsaufen gemacht. An jeder Station der Ringbahn, in der nächstgelegensten Kneipe, ein Bier und ein Schnaps. Ich weiß nicht mehr, ob wir es geschafft haben, ich weiß es wirklich nicht mehr. Aber im Vergleich dazu bin ich im Moment sehr nüchtern.

Wir sind an der Station Hermannstraße. Drei von uns kaufen dem Straßenfeger Verkäufer jeweils eine Zeitung ab. Eine Frau mit Fahrrad steigt ein und setzt sich in unsere Mitte, sie weiß ja nicht, dass wir hier gerade alle versuchen, Texte zu schreiben. Wir sitzen wie Hühner auf der Stange nebeneinander. Jeder legt sein Ei. Der eine legt große Eier, der andere kleine.

Storkower Straße steigt der Motz Verkäufer zu, aber er hat nicht so viel Erfolg wie der Straßenfeger Experte. Er hat Bayrischen Akzent. Ich weiß nicht, ob ich das merkwürdig finden soll. Die Franzosen unter uns verstehen kein Wort und wundern sich.

Dann, an der Landsberger Allee steigt ein Verkäufer der Süddeutschen Zeitung dazu. Wir wundern uns. Auch sie müssten leben, dank den neuen Medien würde es immer schwerer, noch guten Journalismus zu fabrizieren, das Internet würde … und so weiter. Wir kaufen ihm einige Zeitung ab, denn er machte einen wirklich schlechten Eindruck. Sehr abgemagert, blass, nüchtern. Außerdem muss man den Journalismus unterstützen, wo man kann.

Prenzlauer Allee: Kai Diekmann steigt ein, er ist gut gelaunt und sichtlich etwas beschwipst. Er verteilt Gratisausgaben der Welt Kompakt, aber wir müssen uns für ein Abo eintragen, 14 Tage kostenlos, sofort kündbar. Alle machen mit, auch, wenn es sich nicht um Journalismus handelt, aber beim Springer Verlag arbeiten ja auch irgendwie Leute, viele von denen haben Familien. Leider.

An der Frankfurter Allee versucht ein älterer Herr uns die Laptops aus den Händen zu reißen. Wir müssen uns richtig wehren, werden ihn kaum wieder los. Er liegt auf dem Boden und weint. Wir glauben, dass es sich um Rupert Murdoch handelt. Er hat noch diesen vakanten Stil von Leuten, die mal reich waren und dann Arm geworden sind. Er trägt noch teuer Lederschuhe, die das Leben auf der Straße nicht wirklich erleichtern. Jemand gibt ihm 50 Cent. Rupert schmeißt sie weg und schreit herum, was er damit anfangen solle, zwei Euro wären ja wohl das Mindeste … er krakelt herum, ich habe noch nie einem Menschen so fluchen sehen. Der Süddeutsche-Verkäufer kommt und will die 50 Cent aufheben, aber Murdoch tritt ihm in die Magengrube. Während sich die zwei prügeln, schnappt sich Kai Diekmann das Geld und springt aus der Bahn. Murdoch und Süddeutsche-Verkäufer hasten hinterher. Wir bleiben sitzen, ich denke: au man, guter Stoff für eine Geschichte. Glaubt mir wieder eh keiner, aber diesmal habe ich Zeugen.

6

Schönhauser Allee, morgens, müde.

Ich vermute, dass ich am wenigsten geschrieben habe, im Vergleich zu den anderen Teilnehmern. Aber ich habe ja auch den kleinsten. Laptop. Das hatten wir ja schon.

Humor am Morgen, das ist sehr schwierig, sehr schwierig. Muss ja auch nicht immer witzig sein. Zwingt einen ja keiner zu. Mal was Ernstes schreiben, das Leben ist schließlich schon lustig genug. Der ganze Krieg, Ebola, Flut, Terrorismus – die Welt bietet genug Erheiterung, da braucht es nicht noch so einen gezwungenen Lustigtext.

Außerdem ist es morgen, da ist nichts lustig. Nicht einmal Ebola könnte mich jetzt aufheitern und kein Krieg der Welt belustigen. Höchstens wenn draußen jemand ausrutscht, mit dem Kopf auf eine Stahl-Kante fliegt und blutend liegen bleibt, ja das wäre einen Schmunzler wert. Aber sonst? Nur pures, sonnengetränktes, ernsthaftes Glück überall. Der letzte Satz ist von Nik, der mich wieder als Lyriker beschimpft hat. Ich denke, wir gehen gleich „vor die Tür“. Lyriker, pah. Aber selber so ein Wort wie „sonnengetränkt“ benutzen, wer hier wohl der Lyriker ist.

Lustig ist das alles überhaupt nicht, und das ist auch gut so. Boko Haram, die nigerianische Clownsbande, die könnten mich an diesem Morgen vielleicht noch zum Lachen bringen, aber nur, wenn sie sich auch Mühe geben würden. Aber auf die ist ja eigentlich Verlass. Seit „Glücksrad“ wurde ich nicht mehr so gut unterhalten wie in letzter Zeit von Boko Haram.

Jetzt kommt auch noch die Sonne raus, so eine Scheiße. Nicht mal auf den Winter ist Verlass. Dabei bin ich extra nach Berlin gezogen, weil es hier am wenigsten Sonne im Jahr geben soll.

Und jetzt geht es auf, eine letzte Runde Ringbahn.

Ich habe beschlossen, das Schreiben an den Nagel zu hängen. Das wars, ich bin raus. Nie wieder ein Wort, das führt alles zu nichts, das hat keinen Sinn, das hat kein Hand und Fuß. Es ist an der Zeit, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, ohne Schreiben. Es hat sich ausgeschrieben. Für immer. Ich steige aus, ich bin raus, Literatur und ich gehen ab jetzt getrennte Wege, es hat sich ausgeliteraturt. Ich mach jetzt was Solides. Ein kleiner Garten vielleicht, Mitglied in einem Kegelclub, Taubenzucht, ein Hund, das Leben hat so viel zu bieten. Raus aus der Fiktion, rein ins Leben.

Einige Stationen noch, die letzte Runde Ringbahn, die letzte Runde schreiben, dann bin ich raus, ich entsteige der Ringbahn als vollkommen neuer Mensch. Literatur ist nur Verschwendung. Vielleicht lege ich mir auch mal eine Krankheit zu, die ich dann pflegen kann. Oder ich mache Kick-Boxen, fahre mal ins Ausland – es gibt viel, was man ohne Literatur machen kann. Eine Bienenzucht auf meinem kleinen Balkon, eine Alkoholsucht, all das, was die anderen Menschen so machen. Arbeit, viel Arbeit. Ich werde mehr arbeiten.

Ich freue mich schon auf die viele freie Zeit, die ich ohne Schreiben verbringen werde. Das wird ein Spaß. Das wird auch meinem Gehirn gut tun.

Ich werde nicht winken zum Abschied. Ich werde einfach gehen, die Tür hinter mir schließen und mich nicht mehr umdrehen. Ich werde auch nicht anrufen, weil ich nur mal wieder die Stimme hören möchte. Ich werde auch keinen Abschiedsbrief schreiben, nichts. Die ganze Sache hinter mir lassen. Einen Schlussstrich ziehen. Jetzt. Aus und vorbei. Nie wieder. Wir trennen uns im Guten. Aber das mit uns ist es einfach nicht gewesen. Klar hatten wir auch gute Momente, ich werde mich gerne an diese erinnern. Aber man muss erkennen, dass es nichts bringt, es hat nicht solln sein, es stand alles unter einem schlechten Stern, die Umstände waren natürlich auch nicht die besten. Es war nicht unsere Schuld, wir müssen uns keine Vorwürfe machen.

Es wird auch keinen zweiten Versuch geben.

Advertisements

3 Gedanken zu “Text von Robert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s